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Malteser Aurich

Helfer vom Hilfstransport zurück

12.06.2017
Pfr. Jurgis holte am Donnerstag morgen Lebensmittel in Alytus ab.
Wer erst einmal eines der Nachtschränkchen ergattert hatte, hütete es wie seinen Augapfel.
Bis an den Rand voll mit Betten.
Birute (M.) war immer mit dabei. Hier übersetzte sie, während der Pressesprecher des Krankenhauses, Saulius, Horst Stamm interviewte. Rechts im Bild Elisabeth Funke.
Abladen bei Schwester Jolante im Rekordtempo.
Heilige Messe mit vier Geistlichen, darunter Darius (3.v.l.) und Arunas (4.v.l.).
Dieses Mädchen in traditioneller Tracht verzauberte die Gottesdienstbesucher mit seinem Spiel auf einer Kanklės.
Die litauischen Freunde bedanken sich mit kleinen Tonkrügen bei ihren Gästen. Im Bild die Schwestern Emanuela, Miriam und Jolante; links im Bild Valdas.
Abschiedsabend mit Akkordeon, Halleluja und Stimmungsliedern.
Malteserchefin Onutė Žilionienė dankt Alfred, unten links Ralf Ruhnau, rechts Ludwig Unnerstall.

Delia Evers| In der Nacht zu Samstag sind die Litauenfahrer mit ihren Bullis nach 18 Stunden Fahrt zurückgekehrt. Im Laufe des Samstags kamen auch die Lasterfahrer an. Wichtige Tage liegen hinter allen Beteiligten. Das Entscheidende vorweg: Die von unserer Pfarreiengemeinschaft gespendete, vielfältige Hilfe ist in Alytus und Kaunas angekommen. Die Freundschaften haben sich vertieft. Und es gibt eine gute Klarheit darüber, was im Moment vor Ort am meisten gebraucht wird. Vor allem zählen Lebensmittel dazu. Ein kurzer Gang durch ein Geschäft machte deutlich, dass schon manches Grundnahrungsmittel erheblich teurer ist als bei uns. Dabei verdienen selbst gut ausgebildete Arbeitskräfte oft nur 450 Euro im Monat brutto. Wichtig zudem: Die Lebensmittel müssen verteilt werden. Dafür brauchen die Malteser in Alytus dringend ein zweites Fahrzeug. Erst dann können sie mit ihrem Mahlzeitendienst Suppe und andere Lebensmittel in ausreichender Anzahl zu bedürftigen Menschen bringen.

Es gibt viele weitere Baustellen – zum Beispiel am Turm von St. Kasimir, der Pfarrkirche von Pastor Darius. Von 25.000 Euro Gesamtkosten hat er 7000 beisammen. Auf die Frage, wie viel das Bistum beisteuert, schwieg Darius mit einem schiefen Lächeln. Der Pastor brauchte kein weiteres Wort zu sagen. Es gibt keinen Zuschuss. Alle Projekte, die Neuauwiewitt schon bisher begleitet hat, werden von den Geistlichen Darius, Jurgis, Valdas und Arunas sowie den Schwestern, stellvertretend Schwester Jolante, offenbar kreativ und vorausschauend vorangetragen. Sie sind verlässliche Ansprechpartner. Ihre Ziele und Wünsche sind nicht abgehoben, sondern konkret und nachvollziehbar.

Wohl alle Litauenfahrer waren immer wieder berührt von der Dankbarkeit ihrer Gastgeber. Nach den anstrengenden Tagen, die von viel zu wenig Schlaf und viel körperlicher Plackerei geprägt waren, sorgten sie für erholsame Stunden voll Musik, Tanz, Gesprächen und gutem, litauischem Essen. Das waren Begegnungen voll Herzlichkeit, in denen kaum noch auszumachen war, wer welche Nationalität hatte. Auch bei den Abladeaktionen in den Gemeinden waren immer örtliche Helferinnen und Helfer dabei. Schließlich galt es, insgesamt knapp 12 Tonnen Hilfsgüter von den Lastern und aus den Bullis zu wuchten und in die Häuser zu tragen.

Ein kleines Schauspiel für sich war der Transport gespendeter Betten zu einem Großkrankenhaus in Kaunas. Bei der Ankunft der Laster standen bereits Dutzende von Schwestern, Ärztinnen und Ärzten, Verwaltungsmitarbeitern und Pflegedienstleitungen Spalier. Sie erwarteten sehnsüchtig über 60 Nachtschränkchen und 55 hochwertige Pflegebetten. Als die ersten Nachtschränkchen vom kleinen Laster abgeladen waren, ging der Run der Stationsschwestern auf diese Möbelstücke los. Sie stellten auch die Schränkchen noch in die Zufahrt und bewachten sie für ihre Stationen derart eisern, dass niemand, nicht einmal ihre eigene Pflegedirektorin, in der Lage war, sie ein paar Meter an die Seite zu befehligen. Einige legten ihre Arme über die Schränkchen und verharrten so, als wären sie angewachsen.

Für den 40-Tonner musste ein neuer Standort her. Der war zwar bald gefunden, aber wie sollten die immens schweren Betten, die immer zu Dreien in Folie verschweißt waren, nun vom Laster ohne Hebebühne herunter?

Denn schnell war klar: Einen Gabelstapler gab es vor Ort nicht. Also manövrierte sich der kleiner Laster mit Hebebühne rückwärts an den Großen heran. Die Betten wurden im Stapel oder einzeln draufgezogen. Der kleine Laster rollte nun ein paar Meter vor, die Hebebühne wurde abgesenkt, die Betten heruntergezogen, die Bühne wieder angehoben und wieder an LKW gefahren.  Um Viertel vor 9 Uhr waren die Unseren Richtung Krankenhaus gefahren. Erst sechs Stunden später saßen sie zur Weiterfahrt in Bullis und Lastern. Die Zeit war davon geeilt. An die geplanten Besuche bedürftiger Familien war nicht mehr zu denken.

Dafür war eine andere Sache glimpflich ausgegangen. Bei der Plackerei auf dem 40-Tonner hatte Fahrer Hilmar Wendeling bärenstark angepackt. Irgendwie kam in das ganze Gehebe eine Unwucht. Hilmars Finger war dazwischen. „Gebrochen“, dachte er im ersten Moment – bis er sich den Arbeitshandschuh auszog. Das sah heftig aus. Schnell war die Pflegedirektorin zur Stelle. Übersetzerin Birute brachte ihr nahe, was Hilmar sich dringend wünschte: „Auf gar keinen Fall einen Gips.“  Die Direktorin orderte sofort einen Wagen der Hilmar, in Begleitung von Rita, in ein anderes Krankenhaus brachte. Später stießen beide wieder zur Gruppe – Hilmar lächelnd, ohne Gips.

In einem schönen Konferenzraum des Krankenhauses gab es noch Kaffee, einen köstlichen Möhrennusskuchen und eine Fragerunde. Leider erhellten die Antworten nicht wirklich die Situation in der Klinik. Die Krankenhausmitarbeiter betonten, die Situation sei vor allem im Pflegebereich schlecht, dafür gebe es kaum Geld. Bei einer „Führung“ auf der Inneren konnten die Neuauwiewitter ganz kurz Blicke in drei dicht belegte Krankenzimmer werfen. Die Pflegebetten darin waren alt, aber funktionsbereit. Feste Sponsoren gibt es nicht. Dreimal half bisher eine italienische Hilfsorganisation mit Betten weiter. Offen blieb trotz Nachfrage, ob die Bettensituation auf anderen Stationen schlimmer ist. Eine weitere Besichtigung war nicht möglich. Ohne Zweifel waren die mehrfach betonte Dankbarkeit und die Freude an den Spenden bei allen Krankenhausmitarbeitern echt und riesig.

Vom Krankenhaus ging‘s mit großem Zeitverzug weiter zum Kloster von Schwester Jolante. Die Abladeaktion vor allem von Lebensmitteln gelang in Rekordzeit. Und im Rekordtempo galt es, das von den Schwestern liebevoll und lecker vorbereitete Mittagessen einzunehmen (das längst eine Art Spätnachmittagessen war). Denn sonst wäre auch noch der letzte „Programmpunkt“ des Tages geplatzt: der Besuch einer Gemeindemesse von Pfarrer Darius in Alytus. Schwester Jolante betrachtete wie immer alles ruhig und lächelnd, goss ein, schenkte nach, bot an und plauderte ein paar Sätze über den Tisch.

Zur Heiligen Messe waren alle pünktlich da. Die Gemeindemitglieder hatten sich samt und sonders sehr schön angezogen. Für die Neuauwiewitter war keine Zeit geblieben, sich in Schale zu werfen. Einige saßen, gewaschen nur an ihren Händen, in staubbehafteten Jeans, verschwitzten Shirts und aussagestarken Malteserjacken in den Bänken. Schon nach dem feierlichen Einzug spielte das keine Rolle mehr. Zwar gab es nur einen deutschen Beitrag während der ganzen Messe – Horst Stamm trug eine Lesung vor –, aber Darius erwähnte warmherzig mehrfach die vier Neuauwiewitt-Gemeinden. Sogar während die Kommunion ausgeteilt wurde, kamen noch litauische Gemeindemitglieder auf deutsche Besucher zu und baten um den Friedensgruß. Wertvolle Zeichen.

Die Messe vermittelte mit ihrer schlichten Feierlichkeit, mit Kirchenchor, vier Geistlichen, einem kleinen Spezialkonzert auf litauischen Saiteninstrumenten namens Kanklės, die zu den batlischen Boxzithern zählen, und schönen Gemeindegesängen trotz aller sprachlichen Fremdheit ein tiefes Erlebnis der Einen großen Kirche. Von Freundschaft erzählte wenig später der gemeinsame Abend im Gemeindehaus. Die Gastgeber nutzten ihn mit einem guten Essen, um noch einmal Danke zu sagen. Und danke sagte auch Alfred Dellwisch – danke an alle, die vor Ort wertvolle Hilfe für andere Menschen leisten und uns über die Jahre ans Herz gewachsen sind: die Geistlichen, die Schwestern, die Malteser und viele Mitarbeiter.

Schwester Emanuela griff einmal mehr zum Akkordeon, übergab es bald darauf schon an Onno Kromminga, um höchst erfolgreich zum Singen und Tanzen einzuladen. Onno spielte das Halleluja von Taizé ebenso perfekt wie ostfriesische und deutsche Stimmungsschlager. Markus tat auf seiner Gitarre mit. Die Litauer waren begeistert. Bald war der ganze Saal auf den Beinen und feierte Freundschaft. Über all die Tage immer dabei war Birute, unsere Übersetzerin, die ganz viel zu dieser Freundschaft beigetragen hat und beiträgt. Denn manchmal braucht Freundschaft eben auch besondere Worte. Sie können qualifiziert aus dem Munde oder ohne viel Drumherum aus dem Herzen kommen. Birute beherrscht beide Sprachen.

 

 

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